Evangelische Kirchengemeinde Müncheberger Land
 


90 Minuten Reden über Gott

Austausch über Bibel – Glaube – Theologie

Liebe Gemeindemitglieder, 
mein Name ist Marcus König. Sicher kennen Sie mich schon vom Sehen. Ich bin mit Vikarin Juliane Bach im Frühjahr zur Müncheberger Gemeinde gestoßen. 
Ich habe auch Theologie studiert und möchte mich nun auch gerne ein bisschen mit in das Gemeindeleben einbringen. 
So hat mir Pfarrerin Bertheau die Organisation der monatlichen Abende unter dem Titel ‚90 Minuten Reden über Gott‘ übertragen.  
Ich möchte die Treffen immer so gestalten, dass wir ausgehend von einer kurzen gemeinsamen Lektüre über ein bestimmtes Thema unseres Glaubens ins Gespräch kommen. Die zugrundegelegten Texte können zum Beispiel aus den Bereichen…

Fundamente unseres Glaubens (Bibeltexte; was ist eigentlich offiziell evangelisch? – evangelische Lehre nach den Bekenntnisschriften; zentrale Texte Martin Luthers),

- christliche Glaubensüberzeugungen – vor den Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts verantwortet (Lektüre einer modernen „Dogmatik“, das heißt einer systematischen Darstellung der Glaubenslehren im Gespräch mit Philosophie, Naturwissenschaft, Psychologie, usw.), 

- kritische Anfragen an den christlichen Glauben, 

- was glauben eigentlich andere christliche Konfessionen und andere Religionen und wie stehen wir dazu?, 
… stammen. 

Ich habe einige Bücher im Hinterkopf, die ich am Dienstag als Gesprächsangebote mitbringe, aber alle Interessierten sind auch dazu eingeladen, selbst Texte vorzuschlagen oder Themen/Fragen mitzubringen, zu denen Sie schon immer mehr erfahren wollten, zu denen ich dann gerne Texte heraussuche. Ich freue mich auf alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und auf intensive gemeinsame Gespräche, durch die wir unseren Glauben verstehen und vertiefen lernen.

Marcus König 

E-Mail: koenig.balduin@t-online.de Telefon: (0163) 7646407



„90 Minuten Reden über Gott“ – Zusammenfassung des Treffens vom 6. Oktober 2020, zugleich programmatische Skizze des gewählten theologischen Ansatzes für die folgenden Treffen

Die christliche Botschaft bewegt sich in dem Spannungsverhältnis zwischen den beiden Polen
- 1. des Eingehens auf den Menschen, seine Situation, seine Fragen und Vorstellungen, seine Bedürfnisse und Sehnsüchte, seine „selbstgeschusterte“ Religion (Apg 17,16–34; 1 Kor 9,19– 23), und

- 2. des Ein- und Widerspruchs gegen diese seine Vorstellungen, Überzeugungen, (vermeintlichen) Bedürfnisse, Sehnsüchte und seine „selbstgeschusterte“ Religion im Namens eines anderen, besseren Weges, den sie weist (1 Kor 1,18–31 und 12,31; Joh 14,6).
Anknüpfung, Suche nach Anknüpfungspunkten, Eingehen, Sich-Einlassen auf den Menschen? Das muss dementsprechend auch das Anliegen christlicher Verkündigung und Theologie sein. Ja! Selbstverständlich: ja! Und insbesondere die vorbehaltlose Anerkennung seiner Person! Aber: keine vorbehaltlose Anerkennung seiner Überzeugungen, Bedürfnisse, Gedanken und Taten, sondern ein Unterscheiden, ein Aussondern, eine Bestärkung des Guten und Richtigen und eine Korrektur des Fehlgeleiteten mit Ausrichtung an dem einen Maßstab Christus – Kontinuität und Widerspruch: „Prüfet alles, das Gute behaltet.“ (1 Thess 5,21).

Damit werden zwei Extrempositionen verworfen: 1. die einer (besonders postmodernen) vorbehaltlosen und vorschnellen Anerkennung des Vorfindlichen – dann wird die christliche Botschaft bestenfalls überflüssig und belanglos, nur zu einer nachträglichen, religiösen Verklärung des nur „Menschlich – Allzumenschlichen“ (zu so einem Verständnis tendiert so manche moderne liberale Theologie im Protestantismus); eine sie so auslegende Theologie wird nicht selten sogar gefährlich, denn sie belässt und bestärkt vielleicht noch die Menschen in ihren vorfindlichen, z. T. falschen und schädlichen Tendenzen, umgibt das destruktive Streben mit dem Mantel einer religiösen Legitimation und immunisiert es durch eine pseudowissenschaftliche Ideologie (z. B. bei der theologischen Überhöhung politischer Programme oder zeitgeistiger Strömungen: die völkische Theologie im Dritten Reich, m. E. auch die gendergenormte Theologie heute); 2. die einer radikalen Abgrenzung von allem menschlichen Sehnen und Streben, als ob es außerhalb des explizit Christlichen nichts Gutes und Richtiges und Nützliches, der Anerkennung wertes gebe, und bewussten, z. T. wissenschaftlich begründeten und geforderten Dialogverweigerung (bestimmte Seiten der lutherischen Kreuzestheologie, Karl Barths Ablehnung jeder „natürlichen Theologie“, manche Freikirchen). Die Folge ist nicht selten innerer Rückzug oder Rückzug aus der Gesellschaft in Parallelwelten, Isolation, Sektentum, Fundamentalismus, Frustration. Beide Extrempositionen sind unbiblisch. Die Bibel erzählt den Menschen nicht selbstverständliche, sie gar nicht herausfordernde Geschichten. Sie fordert Umdenken und Veränderung! Aber sie streicht auch nicht einfach den Menschen durch und redet mit ihrer Botschaft an ihm vorbei. Sie ist durch und durch menschlich und bietet Antworten auf die menschlichen Fragen des Seins und des Daseins, und doch nicht so, wie sie der Mensch erwartet (vgl. der erwartete und der gekommene König Israels, Lk 23,3; Frieden der Welt und Frieden Gottes, Joh 14,27). Jesus ist auch in keinerlei Hinsicht extrem – weder anspruchsloser Libertinist, der alles gutheißt, noch unerbittlicher Moralpedant, Demagoge oder gar Inquisitor –, sondern er agiert in überführender Ungezwungenheit und dennoch nicht in irgendeiner Laxheit. Wer mit ihm seinen Weg geht, sieht, wie er das Richtige, Angemessene, in der Situation Geforderte trifft. An ihm geht einem auf, worin wahre Göttlichkeit und worin wahre Menschlichkeit besteht. Beide fallen zusammen. Seinen Geist hat die Theologie zu erfassen, von seinem Geist muss sie erfasst werden, und seinen Weg hat sie nachzugehen. Und sie geht ihn nur nach, wenn sie der Versuchung widersteht, in eine der beiden Extreme abzugleiten. Für uns dürfte dabei vor allem die Gefahr des restlosen Aufgehens in unserer Umwelt real sein. Darum gilt uns die Aufforderung des Apostels Paulus: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm 12,2). 
M. König


„Was darf ich hoffen?“ ist nach Immanuel Kant eine der vier Grundfragen der Philosophie. Sie ist das, weil sie eine der Fragen ist, die jeden Menschen angehen und die die Menschheit schon immer beschäftigt haben, weil sie also eine Grundfrage der menschlichen Existenz darstellt. Der Mensch strebt beständig über seine Gegenwart hinaus, er denkt und handelt auf ein Zukünftiges hin, plant voraus, geht in Erwartungshaltung. Kaum ein Mensch lebt nur im Hier und Jetzt ohne Blick nach vorn, ohne Sorge um ein Morgen. Der Mensch fragt nach seiner Zukunft und sein Fragen macht auch beim Tode nicht halt. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob mit dem Tod wirklich einfach das Ende gekommen sein soll, besonders wenn er einen lieben Menschen verloren hat? Wer hat nicht auf ein Weiterleben in irgendeiner Form und vielleicht auch auf ein Wiedersehen gehofft? Dabei stellt sich die Frage, ob dieser Gedanke von der Unsterblichkeit der Menschenseele wirklich nichts als ein Wunschtraum ist oder ob er zugleich auch ein vernünftiger und begründeter Gedanke ist. Inwiefern er auch ein biblischer Gedanke ist und welche Hinweise uns die Quelle unseres Glaubens für die spezifisch christliche Hoffnung gibt, dem ist im Folgenden nachzugehen. Mit dieser Frage beschäftigt sich die theologische Teildisziplin der „Eschatologie“, die ich entsprechend den Wünschen einiger Teilnehmer, wenn das allgemeine Zustimmung findet, als das Thema der nächsten Treffen vorschlagen möchte. Vorab hiermit – wegen der momentan ausgesetzten physischen Zusammenkünfte – einige schriftliche Informationen und Inspirationen für die persönliche Auseinandersetzung mit dem Problem.

 

Eschatologie (De novissimis)

 

Wortherkunft: Griech. τ σχατα (ta és-chata) = „die letzten Dinge]“. Eschatologie heißt „Lehre von den letzten Dingen“.

Thema: Die Eschatologie ist die Lehre von der christlichen Zukunftshoffnung. Sie fragt nach dem Wesen und der Ankunft des Reiches Gottes, anders geredet nach der Vollendung des Einzelnen, der Kirche und der Welt,nach einem endgültigen Zustand, in dem sich diese einmal befinden weden und nach dem Weg, wie sich dieser einstellt, nach dem Ziel, auf das alles, was ist, hinstrebt.

Situation und Motivation: Wozu Eschatologie? 

These 1: Niemals zuvor war die Eschatologie für die Menschen so uninteressant und bedeutungslos wie heute für uns. Niemals war unsere Welt so einseitig diesseitsorientiert. 

These 2: Selbst diejenigen, die eine jenseitige Welt, ein Leben nach dem Tode o. ä., etwa aus Glaubensgründen, theoretisch bejahen, ziehen praktisch keine Konsequenzen daraus. Diese Dinge tangieren ihre Entscheidungen, die sie im Leben treffen, nicht, geschweige denn würden sie ihr Leben nach ihnen ausrichten. Ihr Wissen darum ist viel zu vage, zu ungewiss und vor allem ist die ganze „Geschichte“ viel zu weit weg. 

These 3: Der Bedeutungsverlust der Eschatologie geht nicht erst mit dem schwindenden Glauben an Gott einher, sondern ist diesem vielmehr schon vorausgegangen. In dem Maße, wie die Möglichkeit einer rationalen Welterklärung einerseits, der irdische Wohlstand der Menschen andererseits bedeutend zugenommen hat (also in etwa seit dem Zeitalter der Aufklärung), ist die Jenseitshoffnung in ihrer Bedeutsamkeit für die Menschen immer weiter zurückgegangen.

These 4: Trotz unseres westlichen Wohlstands sind jedoch viele existentielle Probleme der einzelnen Menschen wie der Menschheit im Ganzen nach wie vor ungelöst, viele neue sind hinzugekommen. Ob die Menge des Leides auf der Erde sich in den letzten Jahrhunderten wesentlich verringert hat, ist zumindest fraglich. Das Bewusstsein um die Unvollkommenheit und Erlösungsbedürftigkeit auch der heutigen Welt muss jedem sehenden Menschen einleuchten. Die Wohlstandsgesellschaft hat zwar zweifellos große Errungenschaften gebracht: sie hat den Hunger besiegt und den Stand der Medizin um Welten vorangetrieben, sie hat für humanere Arbeitsverhältnisse gesorgt und ein Sozialsystem hervorgebracht, das vor der gröbsten Armut bewahrt. Doch gilt dies alles nur für einen kleinen Teil der Menschheit. Und in einer Menge anderer Bereiche des Lebens – vor allem in Bezug auf die seelischen Leiden der Menschen – kann sie zudem allenfalls oberflächlich Not lindern. Hat sie das Leben der Menschen wirklich lebenswerter oder auch nur einfacher gemacht? Selbst wenn das der Fall sein sollte, der Nährboden, aus dem heraus die Sehnsucht nach dem „Paradies“ erwachsen kann, scheint nach wie vor gegeben. 

These 5: Die Wurzel des Bedeutungsverlustes der Eschatologie dürfte also vor allem in dem zweiten Punkt liegen: dem aus der immer weiter fortschreitenden rationalen Durchdringung der Welt sich ergebenden, v. a. von den empirisch arbeitenden Natur- und Geisteswissenschaften (Physik, Chemie, Biologie, Soziologie, Psychologie, usw.), die keine nicht erfahrungsgesättigten Hypothesen zulassen, geprägten Weltbild. Mit ihnen glauben wir durchschnittlicherweise an die Naturgesetze, an einen lückenlosen Kausalzusammenhang alles Weltgeschehens und wir haben gelernt, logisch zu denken, kritisch zu hinterfragen und nichts einfach so hinzunehmen, was uns nicht einleuchtend erscheint. Eine Ausnahme bildet für manche noch der religiöse Bereich. Doch ist vielen der Umstand, hier eine Ausnahme machen zu müssen, die nicht im Einklang mit ihrem sonstigen Weltbild und dem der Mehrzahl ihrer Mitmenschen steht, ausgesprochen unangenehm. Und so schlägt dieser religiöse Vorbehalt nicht selten in das Gegenteil um. In einem Befreiungsschlag stößt man die ganze Religion inklusive der Eschatologie als ein vermeintlich unlogisches Gewust von Aberglaube und Unverständlichem, als etwas nicht mehr Zeitgemäßes, mit dem man sich in der Öffentlichkeit nur lächerlich macht, ab. Doch warum ist die Eschatologie selbst für die trotz allem Gläubigen, die ein Leben nach dem Tode theoretisch bejahen, oftmals so bedeutungslos? (These 2) 

These 6: Weil sie sich unter ihr nichts vorstellen können. Die kirchliche Verkündigung der Gegenwart redet von der christlichen Hoffnung zumeist nur in schwammigen, unklaren Andeutungen oder sie umgeht das Thema ganz. Wer konkrete Aussagen trifft, verstrickt sich schnell in Widersprüche oder Unvernünftigkeiten. Das ganze Konvolut an traditionellen eschatologischen Aussagen und Bildern wirkt märchenhaft, albern und unglaubwürdig. Das Tönen der Posaunen, der auf der Wolke herabkommende Jesus, der Teufel mit Hörnern in der feurigen Hölle, der Himmel als eine Art Schlaraffenland oder mit fliegenden Engelchen – so können wir uns das Ende nicht vorstellen. Doch wenn nicht so, wie dann? 

These 7: Ist das Bild unserer christlichen Hoffnung ein weißes, unbeschriebenes Blatt, ist unsere Vorstellung inhaltsleer, kann auch die formale Bejahung eines Lebens nach dem Tode keine Wirkung entfalten. Eine inhaltsleere Hoffnung ist ohnmächtig. Eine Hoffnung, die nicht in Bildern ausgemalt werden kann, kann den Menschen nicht trösten und nicht anstacheln. Sie ist bedeutungslos für ihn. Von der Kräftigkeit und Lebendigkeit, die die Jenseitshoffnung für die ersten Christen hatte, die ein solches Ausmaß hatte, dass manche Christen geradezu süchtig danach waren, den Märtyrertod zu erleiden, nur um den himmlischen Lohn empfangen zu dürfen, können wir nur träumen. Für die ersten Christen war die endzeitliche Hoffnung von einem Reich der Liebe und der Gerechtigkeit und des Friedens eine Utopie, die sich durch die überwältigende Kraft ihres Bildes ein Stück weit selbst ins Werk setzte. 

These 8: Das Elend unserer heutigen Kirche ist die Unklarheit und Phantasielosigkeit im Hinblick auf ihre Botschaft von der Zukunft, die sie für sich und die Welt erhofft. Ihre Botschaft vom „Himmelreich“ ist der Schatz, den nur sie der Welt geben kann, für den sie sich aber schämt und den sie immer mehr geneigt ist zu vergraben, als ihn unter die Leute zu bringen. 


Zusammenfassend:
Es steht um die Kirche nicht zuletzt deswegen so schlimm, weil die eschatologische Hoffnung, die sie verkündet, ihr eigentliches Proprium, so bedeutungslos und uninteressant geworden ist. Kaum ein Mensch glaubt an die „Auferstehung der Toten“, kaum einer kann sich unter dem „Paradies“ noch etwas vorstellen, an das er wirklich glauben kann und das für ihn Trost und Kraftquelle wäre. Ist die Vorstellung vom Ende vernünftig, scheint sie nicht attraktiv. Soll sie attraktiv sein, ist sie nicht vernünftig. Die Aufgabe der Eschatologie muss sein, die christliche Hoffnung wieder so auszumalen, dass wir uns etwas unter „Himmel“ und „Hölle“ vorstellen können, das wir wirklich glauben können. Es bedarf konkreter „Visionen“ und begründeter, plausibler, für den heutigen Menschen glaubbarer Aussagen über die Zukunft, mit der die Welt und die Menschen rechnen dürfen. Dann gewinnt die Hoffnung ihre Konturen zurück und wir haben ein konkretes Bild vor Augen, das wieder in der Lage ist, eine befreiende und beflügelnde und so die Welt verändernde Kraft in uns zu entfalten. Dann wirft die Zukunft ihre Schatten voraus, reicht in die Gegenwart hinein und bestimmt das Hier und Jetzt mit. Ein erster Schritt zu diesem hochgesteckten Ziel soll die Orientierung im traditionellen Lehrbestand der evangelischen Kirche sein. 


Die „traditionelle“ evangelische Lehre:

Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, die verbindliche Glaubensnorm der lutherischen Kirchen und der lutherischen Christen in den unierten Landeskirchen (über 1000 Buchseiten umfassend), treffen eigenartig wenig direkte Aussagen zur Eschatologie. Sicherlich werden an der einen oder anderen Stelle beiläufig Aussagen zum Thema gemacht (z. B. in den übernommenen altkirchlichen Glaubensbekenntnissen), ein dezidierter Abschnitt zur christlichen Hoffnung findet sich jedoch nicht einmal (wo er zu erwarten wäre) in Luthers Auslegung des Glaubensbekenntnisses in seinen Katechismen. Lediglich an einer einzigen Stelle finden wir einen solchen: in Artikel 17 des von Luthers Mitarbeiter Philipp Melanchthon verfassten Augsburger Bekenntnisses, das die evangelischen Reichsstände auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 als ihr Bekenntnis feierlich dem katholischen Kaiser übergeben haben.(1) 


Athanasianisches Glaubensbekenntnis (2)

Christus „sitzet zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten, und zu seiner Zukunft müssen alle Menschen auferstehen mit ihren eigenen Leibern, und müssen Rechenschaft geben, was sie getan haben, und welche Gutes getan haben, werden ins ewige Leben gehen; welche aber Böses getan, ins ewige Feuer.“ 


Augsburger Bekenntnis – Artikel 17: Von der Wiederkunft Christi zum Gericht (3) „Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tag kommen wird, um zu richten und alle Toten aufzuerwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude zu geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und zur ewigen Strafe verdammen wird. Deshalb werden die verworfen, die lehren, dass die Teufel und die verdammten Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden. Ebenso werden hier Lehren verworfen, die sich auch gegenwärtig ausbreiten, nach denen vor der Auferstehung der Toten eitel (reine) Heilige, Fromme ein weltliches Reich aufrichten und alle Gottlosen vertilgen werden.“ 


(1) Nach dieser wichtigsten evang. Bekenntnisschrift werden die lutherischen Kirchen auch häufig (im Ausland fast durchgängig bis heute) „evangelisch-augsburgisch“ oder „augsburgischen Bekenntnisses“ genannt. 

(2) Das ausführlichste der drei Glaubensbekenntnisse der Christenheit der Antike (neben dem Apostolischen und dem Nizänischen Glaubensbekenntnis), das auch die Evangelischen als für sich verbindlich anerkannt haben. 

(3) In der ebenfalls von Melanchthon verfassten Verteidigung des Augsburger Bekenntnisses, der sogenannten Apologie, wird der Artikel zwar kurz wiederholt, jedoch ohne irgendeinen inhaltlichen Mehrwert. 


Über die spärlichen Ausführungen in den Bekenntnisschriften helfen die alten lutherischen Dogmatiker hinweg, die die evangelische Lehre von den letzten Dingen systematisch ausbuchstabiert haben. Nach ihnen gliedert sie sich traditionell in die folgenden fünf Kapitel: 

1. Vom Tode (de morte): Der Tod ist Folge des Sündenfalls (Röm 5,12). Der (zeitliche) Tod ist die Scheidung der Seele vom Leibe und das Verwesen des Leibes im Grab, während die Seele fortlebt. 

2. Von der Auferstehung der Toten (de mortuorum resurrectione): Wenn Christus wiederkehrt, nachdem die Welt den höchsten Grad der Gottlosigkeit erreicht hat, werden noch Menschen leben, die bis dahin nicht gestorben sind. Die Leiber aller anderen Menschen werden wieder zum Leben erweckt und mit ihren Seelen vereinigt. Es handelt sich um dieselben irdischen Leiber, die jedoch, je nach seligem oder unseligem Leben, mit neuen – positiven oder negativen – Eigenschaften ausgestattet sind. 

3. Vom Jüngsten Gericht (de iudicio extremo): Dann erfolgt das Gericht, gehalten durch Christus, der allen Menschen sichtbar in seiner Herrlichkeit erscheint, den Frommen zum ersehnten Troste, den Gottlosen zum höchsten Schrecken. An allen Menschen wird alles, was sie getan haben, Gutes wie Böses offenbar werden. Nach der ihnen auf Erden gegebenen Norm – für die Frommen das Evangelium, für die Gottlosen das Gesetz – werden erstere ins Reich der Herrlichkeit aufgenommen, letztere ins Reich der ewigen Finsternis verstoßen. 

4. Vom Weltende (de consummatione mundi): Dann tritt das Ende der Welt ein. Außer Engeln und Menschen wird alles, was dieser Welt angehört, durch Feuer verbrannt und löst sich in nichts auf. 

5. Von ewiger Verdammnis und ewigem Leben (de damnatione et vita aeterna): Das Gericht bringt völlige, in Ewigkeit währende Scheidung. Die Verdammnis ist der ewige Tod, das Verweilen in der Hölle, am Ort der ewigen Qual, in welchem jeder Gottlose je nach Grad seiner Gottlosigkeit in leiblichen und geistigen Schmerzen in Ewigkeit für seine Sünden büßt. Die Frommen empfangen das ewige Leben und auch sie genießen je nach Grad ihrer Frömmigkeit die höchste und durch nichts gestörte Seligkeit im Anschauen Gottes. Den Ort ihrer Seligkeit nennt die Schrift den Himmel. Die Grade der Seligkeit sind nicht „essentielle“, sondern nur „akzidentielle“, d. h. das Fundament der Seligkeit wird allen gleichermaßen zuteil: die ungetrübte und unmittelbare Schau Gottes. Unterschiede gibt es nur in Nebensächlichkeiten, nämlich an den Frommen selbst hinsichtlich ihrer eigenen Klarheit und ihres eigenen Glanzes (mit Berufung auf Dan 12,2; 1 Kor 15,41f.). 

(zusammengefasst aus: SCHMID, Heinrich, Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche. Dargestellt und aus den Quellen belegt, Gütersloh 71893, S. 461–482.) 


Die traditionelle, lutherische Theologie sieht sich selbst als uneingeschränkte Zurgeltungbringerin des Sinns und Inhalts der Heiligen Schrift. Nicht nur ihr Zentrum, sondern ihr ein und alles, neben dem ihrem Anspruch nach nichts anderes als Quelle zu stehen kommen darf (kein päpstliches Lehramt, keine mündliche Glaubenstradition, nicht Vernunft, nicht Erfahrung) ist die Heilige Schrift. Sola scriptura – „allein die Schrift“ – ist das Fundamentalprinzip (principium primum) evangelischer Theologie. Wenn dem so ist, muss die lutherische Theologie sich an den Aussagen der Schrift messen und ggf. durch sie kritisieren lassen. 

Daher werden die hier vorgetragenen Ansichten in einem nächsten Schritt am biblischen Befund zu überprüfen sein. 


Die biblische Botschaft von den „letzten Dingen“:

 Explizite und implizite Aussagen über die christliche Hoffnung finden sich in der Heiligen Schrift an einer Vielzahl von Orten. Ich habe versucht, die Stellen der Schrift zusammenzustellen, die wir für ein verantwortetes Urteil heranziehen müssen. Manche sind direkt „eschatologisch“, manche lassen zumindest indirekte Rückschlüsse zu. 

• Dan 7, 13f. (Vision von d. vier Tieren u. d. Menschensohn) 
• Dan 12, 1–3 (Letzte Offenbarung an Daniel)
• Mt 3, 7–12 (Das Zeugnis des Täufers, Aufruf zur Umkehr)
• Mt 7, 12–14 (Die schmale Pforte)
• Mt 7, 16–24 (Hören und Tun als Weg zum Himmelreich)
• Mt 8, 10b–12 (Gottes neues Israel)
• Mt 12, 31f. (Von unvergebbarer Sünde)
• Mt 12, 33–37 (Gleichnis vom Baum und seinen Früchten)
• Mt 13, 24–30 und 36–43 (Gleichnis v. Unkraut u. Weizen)
• Mt 13, 47–50 (Gleichnis vom Fischnetz)
• Mt 16, 27f. (Wiederkunft Christi in Herrlichkeit)
• Mt 22, 1–14 (Gleichnis von der königlichen Hochzeit)
• Mt 22, 23–33 (Sadduzäerfrage nach der Auferstehung)
• Mt 24, 1 – 25, 46; Mk 13, 1–37 (Jesu Endzeitrede)
• Mt 25, 31–46 (Gleichnis vom Weltgericht)
• Lk 12, 8f. (Vom Bekennen und Verleugnen)
• Lk 12, 35–48 (Gleichnis vom heimkehrenden Hausherrn)
• Lk 13, 6–9 (Gleichnis vom Feigenbaum)
• Lk 14, 34f. (Das Salz, das nicht mehr salzt)
• Lk 15, 11–32 (Das Gleichnis vom verlorenen Sohn)
• Lk 16, 19–31 (Vom reichen Mann und armen Lazarus)
• Lk 23, 39–43 (Der Schächer am Kreuz)
• Joh 3, 16.36; 6,40.47 (Ewiges Leben durch den Glauben)
• Joh 5, 24–29 (Gericht und ewiges Leben)
• Joh 14, 6 (Christus als der einzige Weg zum Leben)
• Röm 2, 5–16 (Gottes gerechtes Gericht nach den Werken)
• Röm 3, 9–31 (Rechtfertigung allein durch Glauben)
• Röm 5, 12 (Der Tod kommt mit d. Sünde in d. Welt)
• Röm 6 (Auferstehung und Leben für die in Christus)
• Röm 7,21 – 8,2 (Hoffnung trotz Unfähigkeit zum Guten)
• Röm 8, 18–38 (Das Harren der Kreatur, Heilsgewissheit)
• Röm 11, 25–36 (Ganz Israel wird gerettet)
• Röm 14, 9–12 und 2 Kor 5, 10 (Rechenschaft vor Gericht)
• 1 Kor 3, 8b–15 (Das „Fegefeuer“)
• 1 Kor 5, 9–11 (Vom Reich Gottes Ausgeschlossene)
• 1 Kor 13 (Das Hohelied der Liebe)
• 1 Kor 15, 12–58 (Paulus über die Auferstehung)
• Phil 2, 12–16 u. 3, 7–21 (Kampf um die Seligkeit)
• 1 Thess 4, 13–18 (Christi baldige Wiederkunft)
• 2 Thess 1, 4–10 (Das gerechte Gericht Gottes)
• 2 Thess 2, 1–12 (Der Widersacher Christi)
• 1 Tim 2, 3f. (Gottes universaler Heilswille)
• 1 Tim 4, 8–10 (Gott der Heiland aller Menschen)
• Tit 2, 11–15 u. 3, 4–9 (Hoffnung auf ewiges Leben)
• 1 Joh 2,25 u. 5,11f. (Die Verheißung des ewigen Lebens)
• 1 Joh 3, 1f. (Endgültige Offenbarung der Kinder Gottes)
• 2 Petr 2,1 – 3,17 (Kommen d. Gerichtes am Jüngsten Tag)
• Offb 20, 1–6 (Das Tausendjährige Reich)
• Offb 20, 7–15 (Das Ende des Teufels und Weltgericht)
• Offb 21, bes. 1–8 und 22–27 (Das neue Jerusalem)
• Offb 22, 10b–15 (Das Kommen des Herrn) 

Unser nächstes Treffen wird frühestens im Januar nächsten Jahres stattfinden. Wenn Sie sich bis dahin mit der Problematik auseinandersetzen wollen, wäre es eine gute Vorbereitung, Sie würden diese Texte durchlesen und darüber nachdenken. Wenn man sich jeden Tag zehn Minuten Zeit nimmt und sich 1-2 Perikopen ansieht, ist das gut zu schaffen. Unsere zwei Leitfragen sind folgende: 

(1) Lässt sich aus der biblischen Botschaft jener Texte ein konkretes Bild über die christliche Endzeithoffnung gewinnen? Zunächst einmal in mythischer Sprache und dann vielleicht auch hinsichtlich ihres bleibenden Kerns? 

(2) Inwieweit ist die traditionelle evangelische Lehre schriftgemäß? Inwieweit muss sie korrigiert werden? (In den letzten 200 Jahren ist das tatsächlich oft unternommen worden.) 

Bei der Aneignung der Texte können auch folgende Fragen eine Hilfestellung sein:
• Was ist die gemeinsame Botschaft aller Texte? Gibt es Unterschiede? Gibt es Widersprüche?
• Wenn es sich um einen explizit eschatologischen Text handelt: Wie wird das Weltende geschildert? Wann kommt es? Was geschieht davor?
• Wenn nicht: Fallen in dem Text jenseitsrelevante Entscheidungen im Diesseits?
• Wie vollzieht sich das Gericht? Nach welchem Kriterium wird der Urteilsspruch gefällt?
• Wer erlangt Seligkeit, wer wird verworfen? Wie viel hängt an Gott, wie viel am Menschen?
• Wie sieht die Ewigkeit aus? Worin besteht die Kontinuität zu dieser Welt? Was wird neu? 

Alle Rückfragen gerne an mich. Es verbleibt mir, Ihnen eine gesegnete, ertragreiche und mitreißende Lektüre und einen guten Ausklang des Kirchenjahres und Jahres zu wünschen, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, bleiben Sie gesund und behütet, 

                                                                                     Ihr Marcus König.